Eröffnugsrede zur Hauseröffnung

Bauforscher Bernhard Niethammer M.A.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf Sie heute vor dem nachweislich ältesten Bürgerhaus der Stadt Thannhausen herzlich begrüßen. Das Gebäude wurde ursprünglich im Jahr 1682 errichtet und dann im Laufe seiner langen Geschichte immer wieder den Erfordernisse der Zeit angepasst. Es war folglich stets Nutzungsänderungen und konstruktiven sowie gestalterischen Wandlungen unterzogen, deren Spuren sich bis heute im Baubestand ablesen lassen und so von den Lebensumständen seiner Bewohner Zeugnis ablegen. Und genau diese Veränderungen gehören zu einer lebendigen Kulturlandschaft, ohne dass dabei die bauliche Substanz einer vollständigen Zerstörung anheimfällt, wie es heute meistens der Fall ist.

Dieses für Thannhausen, aber auch für den Landkreis Günzburg, sicher einzigartige Geschichtszeugnis konnte nur durch das besondere persönliche Engagement der Familie Zimmermann erhalten und im Sinne einer baulichen Kontinuität weiterentwickelt werden. Sie war es, die dem Haus wieder eine neu, ganz auf die heutige Zeit abgestimmte Nutzung gegeben hat, ohne dass dabei die Spuren der Vergangenheit vollkommen ausgelöscht wurden. Ein Abbruch hätte die Kontinuität der baulichen Entwicklung unterbrochen und damit die Spuren der Geschichte für immer getilgt.

Das Gebäude entstand zu einer Zeit, in der Thannhausen durch die umsichtige, vorausschauende Politik der Ortsherrschaft zu einer wirtschaftlichen sowie kulturellen Blüte geführt wurde. Bedauerlicherweise haben sich davon sonst keine baulichen Zeugnisse mehr erhalten, sie wurden ohne viel Aufhebens bis heute dem vermeintlichen Fortschritt geopfert. Dadurch verliert Thannhausen seine gewachsenen Strukturen, seine Identifikationsmerkmale und damit auch einen Teil der Verbundenheit seiner Bürger mit dem Ort. Angesichts dieser Entwicklungen ist das heute hier einzuweihende Gebäude umso kostbarer, stellt es doch einen direkten Bezug zu einer mehr als dreihundertjährigen Geschichte und zahlreicher Thannhauser Familien her, die in diesem Haus gelebt und gewirkt haben.

Der Baukörper setzt sich aus einem älteren Vorderhaus und einem jüngeren Stadel zusammen. Der die größere Hälfte ausmachende vordere Teil ist deutlich durch eine massive Zwischenmauer (die ehem. Hausrückwand) gegenüber dem in verbrettertem Fachwerk ausgeführten rückwärtigen Hausteil gekennzeichnet. Die Gliederung des straßenseitigen Gebäudebereiches in Stube mit Stubenkammer, Hausgang, Küche und Stall im Erdgeschoss und zwei vordere sowie zwei rückwärtige Kammern und den Hausgang im Obergeschoss zeigt die herkömmliche, seit dem ausgehenden Mittelalter übliche Organisation der Wohn- und Wirtschaftsräume. Rückwärts im jüngeren Gebäudeteil existierten zwei unterschiedlich breite Bereiche, die sich in eine Tenne und einen Stall aufteilten. Das Dachwerk, das 1682 über dem vorderen Gebäudeteil aufgeschlagen wurde, ist nach Ausweis seiner konstruktiven Merkmale mindestens einmal komplett umgebaut worden. Der hintere Gebäudeteil wurde einheitlich im Jahr 1873 abgebunden und aufgestellt.

Besitzer und wohl auch Erbauer des Hauses war 1682 der Musiker Andreas Walter. Er lässt an Stelle eines älteren, vielleicht durch den Dreißigjährigen Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Hauses ein neues, eingeschossiges Fachwerkhaus errichten. Dieses recht einfache Gebäude umfasst die Grundfläche des vorderen, straßenseitigen Gebäudeteils. Nach seinem Tod im Jahr 1693 gehen Haus und Garten vier Jahre später als Heiratsgut an den Weber Andreas Westenrieder über. Dieser heiratet im Jahr 1697 die Witwe Maria Magdalena Walter. Gemäß vertraglicher Vereinbahrung fällt das Haus, sollte der Ehemann vor seiner Frau sterben, an diese und ihre Nachkommen, so dass Haus und Garten vermutlich im Jahr 1732 an den ältesten Sohn aus erster Ehe, Leopold Walter, übergehen. Dieser besitzt das Haus bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1733.

Danach fällt das Haus vermutlich an die Herrschaft Thannhausen, die das Anwesen im Jahr 1737 an Christoph Rainer, Bürger und Ziegler in Thannhausen veräußert. Dabei wird das Haus als schlecht und baufällig beschrieben, so dass sich Rainer sogleich an eine grundlegende Erneuerung der Bausubstanz macht. Damals wird das eingeschossige Fachwerkhaus in einen zweigeschossigen Massivbau umgewandelt, wobei man Teile der alten Konstruktion, wie einige Innenwände und die Hölzer der Dachkonstruktion, wiederverwendet. Zusätzlich erhält das neue Haus einen aufwändig geschweiften Barockgiebel, dessen Entwurf vermutlich auf Johann Kaspar Radmiller zurückgeht. Nachdem Christoph Rainer sich in den 1740er Jahren im Unteren Viertel, in der heutigen Bahnhofstraße ein weiteres Haus gekauft hat, verkauft er 1743 sein Anwesen in der Frühmeßstraße um 300 Gulden an Matthias Morgen, den ehem. Untermüller aus Siegertshofen. Dieser bewohnt das Haus zusammen mit seiner Frau beinahe zwanzig Jahre. Sie verkauft nach seinen Tod das Haus mit Garten und zwei Strangen im gemeindlichen Krautgarten im Jahr 1760 an den Kürschnergesellen Antoni Heichlinger. Heichlinger arbeitet und lebt rund vierzig Jahre in dem Haus, bevor er es um 1800 dem Uhrmacher und Kaufmann Ignatz Prestele überlässt, da sich Antoni Heichlinger nun ebenfalls ein Anwesen in der heutigen Bahnhofstraße kauft. Vermutlich um 1820 verkauft Ignatz Prestele sein Haus an Andreas Schön, der das Anwesen als Heiratsgut seiner Tochter Barbara überlässt. Und damit geht das Haus im Zuge der Verehelichung der Barbara Schön mit dem aus Oberrohr eingewanderten Messerschmid Joseph Göttner im Jahr 1821 in dessen Besitz über. Wie anderen Bewohnern davor, gelingt es auch dem Messerschmid Joseph Göttner seine wirtschaftliche Situation derart zu verbessern, dass er sich ein Haus in der heutigen Bahnhofstraße leisten kann, weshalb er seine alte Behausung nun an den aus Oberwaldbach eingewanderten Weber Georg März verkauft. Dieser lässt zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation durch den ortsansässigen Maurermeister Jakob Zepf 1873 einen Stadelanbau errichten und versucht, die zum Haus gehörenden landwirtschaftlichen Flächen durch Zukäufe auszubauen, um eine Nebenerwerbslandwirtschaft betreiben zu können.

Im Jahr 1892 erbt seine Frau Genovefa das Gebäude, die es 1896 ihrer ältesten Tochter Kreszenz März vermacht. Nach ihrem Ableben geht das Haus im August 1917 im Erbgang an die jüngere, in Augsburg lebende Schwester Genofeva über, die es nur gut drei Monate später im Dezember 1917 an die Mindelzeller Händlerswitwe Franziska Stepper um 6000 Mark verkauft. Im Jahr 1932 lässt Franzsika Stepper das Haus renovieren und einen russischen Kamin einbauen, damit sie die Auflage zur Verhütung von Bränden erfüllen kann. Am 8. August 1933 erbt das Haus der aus Niederbayern stammende Hilfsarbeiter Matthias Schwinghammer. Dieser lässt wohl um die Mitte der 1930er Jahre das sehr baufällige Haus instandsetzen, den schlechten Straßengiebel ganz abbrechen und durch einen neuen, einfachen Dreiecksgiebel ersetzen. In diesem Zustand bleibt das Haus bis zu seiner jüngsten Restaurierung, lediglich im Bereich der ehem. Küche wird noch nach 1945 ein Bad eingebaut. Weitere Maßnahmen unterbleiben jedoch, so dass das einfache Gebäude bis heute nahezu unverändert die Wohn- und Arbeitsverhältnisse der Barockzeit wiederspiegelt und damit einen besonderen geschichtlichen Zeugniswert besitzt.

Die Ihnen vorgetragenen Erkenntnisse zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner basiert vor allem auf der Auswertung zahlreicher Archivalien im Staatsarchiv Augsburg, aber auch die Bestände im Stadtarchiv Thannhausen konnten wertvolle Informationen liefern. Ein weiterer Baustein der Erforschung des Objektes war die detaillierte Bauaufnahme am Gebäude selbst. Durch ein verformungsgenaues Aufmaß, eine Holzaltersbestimmung sowie eine ausführliche Bauforschung konnten sämtliche frühere Bauzustände ermittelt werden in einer Gesamtschau der Ergebnisse bewertet werden. Auf diese Weise lässt sich die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner exakt nachvollziehen.

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